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von jan himp » So 14. Sep 2025, 10:39
Wir waren 2009 mit einer Charter-HANSE da.
Aus den neueren Berichten ist zu entnehmen, daß die Infrastruktur sich erfreulich entwickelt hat, wie es die Hafenverwalter angekündigt haben. Wurde eigentlich ein Testbericht.
Die Fotos werden leider nicht mitkopiert.
Stettiner Haff, eine Erfahrung
Es war geplant, mit einer bei Haff-Charter in Ückermünde gecharterten HANSE 32 das Stettiner Haff zu erkunden und noch eine Fahrt bis Bornholm zu machen.
Zwangsläufig mußten wir bei vielen Kreuzschlägen die mit gelben Tonnen markierte polnische Grenze queren, was unseren Altvorderen noch regelmäßig mehrere Monate Knast eingebracht hätte.
Grenzgewässer. Links DL rechts PL
Unsere ständigen Grenzverletzungen fielen auch noch in die Zeit des unseligen 1. September, dem Jahrestages des deutschen Einmarsches, worauf uns ein polnischer Hafenmeister aufmerksam machte.
Die AGFS-Flagge neben der polnischen wirkte auf jeden Fall extrem versöhnend.
Grenzverletzung im Auftrag der AGFS
Das Stettiner Haff stellt nicht nur wegen seiner Untiefen höhere Ansprüche an die Navigation, sondern erfordert auch einen Besuch beim Optiker vor Antritt der Fahrt, weil sich außerhalb der Fahrwege viele Stellnetze befinden, deren Anfang und Enden aber gut bezeichnet sind.
(Wurde uns gesagt, haben wir geglaubt).
Die gute Wendigkeit der HANSE kompensierte gelegentlich Sehfehler. Dabei ist die Wendigkeit bei dem Schiff eigentlich ein Nachteil.
Ein Befahren am Tag nur mit der Papierkarte ist nicht empfehlenswert.
So geriet dann auch das Unternehmen noch zu einem Vergleichstest zwischen dem installierten Plotter mit C-Map und unserem 12“-Laptop mit eingescannten Karten von 1992.
Ergebnis:
Die alten Karten auf dem Laptop zeigten bis auf 2 Tonnen keine Unterschiede zur aktuellen Papierkarte.
Der C-Map-Plotter zeigte dagegen unerklärliche Unterschiede, die ein präzises Ausmanövrieren von Untiefen riskant machten. Mit dem Laptop hatte man einfach ein „besseres Gefühl“.
Das Gerücht, man könne als Fremder im Haff nur in den Fahrrinnen segeln, trifft nicht zu,
Ein unfreiwilliger gemäßigter „Landtransport“ ereignete sich ausgerechnet mit unseren 1,4 m Tiefgang in einem betonnten Kanal nach Wollin, der mit 1,7 m ausgezeichnet war.
Promenadenkai Wollin
5-6 Bft waren die Regel. Eine Welle, wie im Ijsselmeer bildete sich jedoch zu keiner Zeit.
Trotzdem zeigte sich die Hanse ziemlich nervös und wenig kursstabil. Judel-Frolijk haben den Lateralplan wohl zu sportlich ausgelegt. Wegen der erforderlichen ständigen Korrekturen hätten wir dann lieber ein etwas kleineres Rad oder eine Pinne gehabt.
Die Segeleigenschaften sind insgesamt exzellent, in einer Symbiose aus Sportlichkeit und Sicherheit.
Am Beginn des Peenestromes wird es eng, aber es kann gesegelt werden. Es geht vorbei an dem Fragment der Hubbücke von Karnin. Deren interessante Geschichte und die Hintergründe sind bei WIKIPEDIA ausführlich beschrieben.
Weiter nach Norden geht es ins Achterwasser, welches in unzähligen Kreuzschlägen erkundet wurde, wobei dann die elektronische Navigation auf die Spitze, oder eher auf den Meter getrieben wurde. Das Logging läßt auf eine volltrunkene Mannschaft schließen. Die Ursache heißt jedoch: „Fischstäbchenslalom für Fortgeschrittene“.
Mündung Achterwasser zum Peenestrom
Das Achterwasser ist landschaftlich schöner als das Haff. Es erinnert stark an Masuren.
Die gemütlichen Häfen dort waren aber für uns wegen des Tiefganges nicht zugänglich.
Auf der Insel Görmitz hat die DDR früher beachtliche Mengen hochwertigen Öles gefördert. Das wurde natürlich exportiert.
Zu einer Übernachtung bot sich dann im Peenestrom das Dorf Lassan an, dessen Hafeneinfahrt etwas kribbelig ist und die Kautionswarnleuchte auf Dauerblinken schaltet.
Lassan, Yachthafen
Das Dorf ist noch richtig „zonig“, aber die kleinste der beiden Gaststätten begeisterte uns so sehr, dass auch die anspruchsvollen Mitfahrer auf dem Rückweg noch einmal dort einkehren wollten.
Das in einer umgebauten Hinterhofschreinerei installierte Restaurant „Renates Hofschänke“ bot Zanderfilet und Heringsfilet mit wirklich leckeren und karzinogenen Bratkartoffeln. Das war einfach preisverdächtig. Die Preise für gleichartige Gerichte lagen übrigens in Deutschland und Polen nie über € 9,- bis 11,- inkl. einem Getränk.
Es ist zu erwähnen, dass Frau Renate für uns abends die Küche hochfuhr. Andere Gäste tranken nur Bier.
Wir lernten, dass der Fisch immer frisch ist, wenn die Zubereitung mindestens 30 min dauert.
Es ging weiter Richtung Peenemünde, als uns Thomas mitteilte, an der gesamten Küste seien Bft 6-8 zu erwarten. Da die AGFS normalerweise solche Versprechen einhält, verzichteten wir weise auf den letzten Rest der Reise und erklärten Peenemünde zum Endpunkt, denn wir hatten das Boot nur für eine Woche gechartert.
Peenemünde ist immer noch ein ziemlich trauriger Ort, aber das Museum wurde seit dem letzten Besuch vor 10 Jahren beträchtlich erweitert. Wer techn. an Luftfahrt interessiert ist, sollte sich mit Literatur darauf vorbereiten, Zeit nehmen und unbeweibt hingehen.
Es ist erstaunlich, wie fortgeschritten früher Navionik und Triebwerkstechnik waren, wenn es galt, die Briten zu erschrecken.
Im Gegensatz zum nederl. Luftfahrtmuseum in Deelen gibt es immer noch keine komplette V1, nur V2 Brennkammern. Skandalös!
Freigelände Peenemünde mit V 2 und Triebzug für höhere Nazis und Entwicklungsingenieure
Der Yachthafen von Peenemünde hat neue Gebäude und eine komplette Infrastruktur.
Bei mehr als 6 Bft zieht es auf der Ostseite gewaltig.
Im Dorf gibt es ein empfehlenswertes Restaurant „Residenz am Peeneplatz“. Recht gemütlich und gepflegt, mit einem Hauch FDGB.
Die Rückfahrt erfolgte dann nach Zwischenstop bei „Renate“ auf ähnlichen Routen.
Die in der Literatur beschriebene Eisbude in Mönkebude ist völlig unauffällig und fällt nur durch die frustrierte Bedienung auf, nicht durch das Eis, aber eine Wanderung über 600 m ist ja auch mal wichtig.
Die vielen Verbots- und Gebotsschilder in dem eigentlich schönsten Hafen am deutschen Teil des Haffs Hafen führen zur Abwertung. Die nette Hafenmeisterin weiß das und gleicht das aus.
Der Badestrand mit einer Kneipe liegt gleich hinter der Hafenmole.
Hafen Mönkebude bei Flaute, ohne Schilderwald
Den Unterschied zwischen den deutschen und polnischen Häfen haben wir genüßlich studiert:
In einem deutschen Hafen finden sich sofort Menschen, die der bei 5-6 Bft von der Seite und mit Saildrive einlaufenden Besatzung erklären, was sie falsch macht, helfen aber erst, wenn die eigenen Boote in Gefahr geraten. Das wollten wir ja nur bestätigt wissen!
In dem polnischen gammeligen Hafen Neuwarp, in dem vor einiger Zeit noch Vorpostenschiffe beheimatet waren, kam dagegen bei Flaute gleich der Hafenmeister, machte das Boot fest und begrüßte uns ganz herzlich in gepflegtem Englisch. Nur in England wird man sonst mit SIR angeredet. Das kam von Herzen, denn es kommen selten Deutsche. Er wollte uns sofort mit einer Neptun-Crew zusammensetzen, die eine beachtliche Menge Rotwein konsumierte. Für uns wurde sogar die Warmwasseranlage hochgefahren.
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Dieser Hafen wird einmal zu einer Marina ausgebaut werden.
Hafen Neuwarp, ehemals Heimat der Vorpostenboote
Insgesamt für uns ein großartiges Erlebnis, wenngleich wir Bornholm knapp verpasst haben.
Das Revier ist relativ anspruchsvoll, bietet aber nicht die Abwechslungen, die wir vom Ijsselmeer und den Wadden gewohnt sind.
Die Infrastruktur der wenigen Häfen ist auf der polnischen Seite noch wenig entwickelt, was jedoch durch die Freundlichkeit der Hafenmeister kompensiert wird. Insgesamt gibt es eigentlich nur 6 Häfen, doch alle planen fröhlich vor sich hin.
Von einem Befahren der Gewässer mit Booten mit mehr als 1,4 m Tiefgang muß abgeraten werden, weil mehrere Häfen nicht erreichbar sind.
Der Hafen von Ückermünde ist auf dem Zeichenbrett entstanden und entsprechend steril.
Marinapark Ückermünde
Hafenkneipe, klein, gemütlich, W-LAN
Die Stadt selbst entwickelt sich. Außer dem “Laternenwerk Ückermünde“, dem Gegenüber von Ahlmann & Schlatter, gab es früher auch schmutzige Industrie und Plattenbauten.
Strand und Promenade sind jetzt so schön wie an der Ostsee, sogar kinderfreundlich.
In Verbindung mit dem schönen Restaurant „Strandhalle“ ist erkennbar, dass der Solidaritätsbeitrag hier sinnvoll eingesetzt wurde.
Strandhalle Ückermünde
Die Hanse, Baujahr 2008, war technisch komplett und geschmackvoll ausgebaut. Knacken im Gebälk im Seegang war ihr absolut fremd. Es fand sich kein kaschierter Murks.
Die zeitweise schlechte Presse ist absolut nicht nachzuvollziehen.
Das serienmäßige Fehlen einer Klampe für die Fockrollleine ist dagegen unverständlich und müsste bestraft werden.
Ein Kurzkieler mit Saildrive ist ohne Bugschraube für den Charterbetrieb nicht zu empfehlen. Ebenso ist ein T_Kiel für Gewässer, in denen es von Fischernetzen wimmelt, bedenklich.
Übergabe und Rückgabe des Bootes wurde ohne Besteckzählung korrekt und unbürokratisch durchgeführt.
Es kam sogar ein Taucher, der den Kiel kontrollierte. Wahrscheinlich wurde er aufgrund einer Qualitätsoffensive bei seinem früheren Arbeitgeber in Giebelstadt arbeitslos.
Ratingen, Oktober 2009
ehem. NEPTUN 20 Nr. 848
Wir halsen auch für Enten!